DIE SOZIALEN VERHÄLTNISSE IN WILMERSDORF Martin Germer, stellv. Superintendent Städtebauliche Gegebenheiten "Wilmersdorf ist der einzige Innenstadtbezirk, dessen Name auf eine ländliche Herkunft schließen läßt"1. Er ist auch unter den Berliner Innenstadtbezirken derjenige, der am spätesten, überwiegend erst im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts, bebaut wurde. Dabei gehört wirklich zur Innenstadt nur der nordöstliche Teil des Bezirks: Innerhalb des S-Bahn-Rings, der seit den sechziger Jahren zusätzlich durch die Stadtautobahn markiert ist, überwiegt vier- bis fünfgeschossige Bebauung; darunter viele nach dem Zweiten Weltkrieg wiederhergestellte Wohnhäuser aus der Zeit nach der Jahrhundertwende, mit oft großen, angenehmen Wohnungen; dazwischen aber auch zahlreiche Bauten aus der Zeit und mit dem charakteristischen "Charme" der Wiederaufbauprogramme. Die in Wilmersdorf gebauten Wohnungen waren von Anfang an meist mit guten Sanitäranlagen und anderen modernen Ausstattungsmerkmalen versehen. Somit gab es in den siebziger und achtziger Jahren hier keine überalterten Sanierungsgebiete wie in Teilen der Nachbarbezirke Charlottenburg und Schöneberg und daher auch weder die damit einhergehenden sozialen Probleme noch die gesellschaftlichen Auseinandersetzungen (Hausbesetzerbewegung); ebenso wenig gibt es freilich heute eine vergleichbar ausgeprägte Kiez- und Alternativ-Kultur. Zur City im eigentlichen Sinne sind die Quartiere südlich von Kurfürstendamm und Lietzenburger Straße zu rechnen; hier befinden sich die Gemeinden Hochmeister, Daniel und Am Hohenzollernplatz. Ebenfalls fast durchweg innenstädtisch bebaut sind die Auen- und die Vaterunsergemeinde; auch sie liegen vollständig innerhalb des S-Bahn-Rings. Außerhalb des S-Bahn-Rings bekommt die Siedlungsform in den Gebieten der Linden- und der beiden Schmargendorfer Gemeinden, neben den Wohnblocks der Beamten-Siedlungs-Gesellschaften aus der Zeit der Städtebau-Reformbewegung der zwanziger Jahre, zunehmend Gartenstadtcharakter und geht dann sowohl in den an Dahlem angrenzenden Straßenzügen als auch in Richtung zum Grunewald, d.h. in der Kreuzgemeinde und in der Grunewald-Gemeinde in ein reines Villengebiet über.2 Interessanterweise ist das einzige Quartier mit Merkmalen eines sozialen Brennpunkts in Wilmersdorf in einem Gebiet der Lindengemeinde zu finden, das ansonsten schon eher Vorort-Charakter aufweist: nämlich die 1976 über dem Stadtautobahnabzweig errichtete Großwohnanlage Schlangenbader Straße. An dem hier bis in die frühen neunziger Jahre betriebenen Teestubenprojekt des Bezirksjugendrings war die Evangelische Jugend maßgeblich beteiligt. Größere geschlossene Neubaugebiete aus dieser Zeit sind ansonsten in Wilmersdorf nicht entstanden. Da mehr als die Hälfte Wilmersdorfs von Wald und Gewässern eingenommen wird, beschränkt sich die eigentliche Wohngebäudefläche im Bezirk auf 18,5% der Bezirksfläche3. Einschließlich der zu den Gebäuden gehörenden Freiflächen wohnen hier 143,7 Einwohner pro Hektar4. Wenn man dabei noch berücksichtigt, dass in diesem Durchschnittswert die Villengebiete mit einbezogen sind, wird deutlich, dass die innenstädtischen Gebiete Wilmersdorfs zu den am dichtesten besiedelten von ganz Berlin gehören. Nach der Volkszählung 1970 wurde der Ortsteil Wilmersdorf, d.h. ohne Schmargendorf und Grunewald, hinsichtlich seiner Bevölkerungsdichte von 14.625 Einwohnern pro km² nur noch von Kreuzberg und von Friedenau übertroffen!5 Für die sechs Gemeinden dieses Ortsteils hat dies unter anderem zur Folge, dass den immer noch vergleichsweise hohen Gemeindegliederzahlen eine recht geringe flächenmäßige Ausdehnung entspricht. Kirchen und Gemeindehäuser sind im jeweiligen Gemeindegebiet gut zu Fuß erreichbar - und selbst bei einer vielleicht künftig anstehenden Verringerung der Gemeinde-Standorte blieben die Wege immer noch relativ kurz. Für die Wilmersdorferinnen und Wilmersdorfer hat diese Wohndichte, verbunden mit einer hohen Anzahl und großen Vielfalt von Einzelhandelsgeschäften, auch den Vorteil kurzer Einkaufswege.6 So gibt es, alles in allem, in Wilmersdorf für großstädtische Verhältnisse wohl noch relativ viel Orte und Gelegenheiten zur Begegnung im öffentlichen Raum und damit zur Aufrechterhaltung von Formen sozialer Verbundenheit. Umso bedauerlicher ist es, wenn der in den letzten Jahren entstandene Preisdruck bei den Ladenmieten gerade alteingesessene und spezialisierte Geschäfte immer häufiger zum Aufgeben zwingt. Arbeiten in Wilmersdorf Die hohe Besiedlungsdichte hat auch damit zu tun, dass es im Bezirk nur wenig gesonderte Gewerbeflächen gibt. Ihr Anteil beträgt lediglich 1,2 %7. Dementsprechend gering ist die Zahl der Betriebe des verarbeitenden Gewerbes: 96 Betriebe mit 2.782 Beschäftigten waren es 1999, darunter 85 Be triebe mit weniger als 50 Beschäftigten8. 1984 gab es sogar nur 38 Betriebe dieser Sparte in Wilmersdorf; diese boten aber noch 6.902 Arbeitsplätze an.9 Der weit überwiegende Teil von Arbeitsplätzen in Wilmersdorf gehört zum Verwaltungs- und Dienstleistungs-Sektor. Größte Arbeitgeber im Bezirk sind seit vielen Jahrzehnten die städtischen Behörden rund um den Fehrbelliner Platz, die benachbarte Bundesanstalt für Arbeit, die Sparkassenzentrale/Landesbank Berlin beiderseits der Bundesallee sowie eine Reihe weiterer Verwaltungszentralen der privaten Wirtschaft entlang des Hohenzollerndamms. Daneben gibt es, vor allem in den Citylagen, aber auch über die ganze Siedlungsfläche des Bezirks verteilt, eine Vielzahl von Büros und Geschäften. Mit einer Gesamtzahl angemeldeter Gewerbebetriebe von 9.423 belegte Wilmersdorf 1984 nach Charlottenburg und Neukölln den dritten Platz im Westteil Berlins.10 "Besonders stark vertreten sind Wirtschafts- und Steuerberater, Planungsbüros, Makler, Hausverwaltungen und Wohnungsbaugesellschaften, auch Genossenschaften wie GEHAG und ARWO-BAU. Im März 1984 hatten 570 Makler ihren Sitz in Wilmersdorf - das entspricht etwa zwanzig Prozent aller in Berlin im Maklerbereich Tätigen."11 Bevölkerungsbewegungen Seit geraumer Zeit findet vor allem in den Citylagen eine Verdrängung von Wohnungen durch Gewerbenutzung statt. Dies verstärkt besonders in den drei nördlichen Gemeinden, Hochmeister, Daniel und Am Hohenzollernplatz die ohnehin erhebliche Bevölkerungsfluktuation, die die Schaffung stabiler Gemeindekontakte empfindlich erschwert, hat aber deutliche Auswirkungen auch bis nach Grunewald hinein. Von der Auengemeinde an nach Süden wirkt die Wohnbevölkerung - für Berliner Innenstadt-Verhältnisse - noch relativ stabil. Viele Menschen wohnen dort schon seit Jahrzehnten, oftmals sogar über Generationen hinweg im gleichen Haus oder in unmittelbarer Nachbarschaft. Man kann sich wohlfühlen in Wilmersdorf und ist dort gern zuhause. Dies kommt auch der gemeindlichen Kontaktpflege und der Identifikation mit der örtlich jeweils "zuständigen" Kirche sehr zugute. Möglicherweise ist es aber auch so, dass es hier zugleich, neben der bei gemeindlichen Kontakten vielfach begegnenden Ortsstabilität, auch ein erhebliches Maß an Mobilität gibt, das nur im Gemeindealltag nicht so stark wahrnehmbar wird. Im Jahr 1999 gab es 5.139 Wegzüge aus Wilmersdorf nach außerhalb Berlins, 9.682 Wegzüge in einen anderen Berliner Bezirk und dazu auch noch 4.846 Umzüge innerhalb von Wilmersdorf.12 19.667 Menschen, d.h. 13,9 % aller Wilmersdorferinnen und Wilmersdorfer sind in diesem einen Jahr aus ihrer bisherigen Wohnung ausgezogen; entsprechend viele andere neu zugezogen. Dabei ist diese hohe Mobilität als Phänomen nicht so neu, wie es manchmal erscheinen mag; fünfzehn Jahre zuvor, also noch vor der Grenzöffnung waren die Zahlen z.T. sogar noch höher mit 4.645 Wegzügen nach außerhalb und 10.165 innerhalb Berlins sowie 6.043 Umzügen innerhalb der Bezirksgrenzen13. Gegenläufig hierzu ist mindestens in einigen Gemeinden eine Zunahme der "Personalgemeinden" spürbar durch Menschen, die auch nach Wegzug per Umgemeindung ihrer bisherigen Gemeinde zugehörig bleiben. Selbst - oder gerade - in den Gemeindeleitungen gibt es manche, die schon lange nicht mehr im Gemeindegebiet wohnen. Die Haushaltsgröße in Wilmersdorf entspricht mit 1,8 Personen dem Durchschnitt im Westteil Berlins. Der Anteil von Haushalten mit drei oder mehr Personen ist innerhalb der letzten fünfzehn Jahre von 21.4 % auf 18,0 %14 gesunken. Damit sind es inzwischen deutlich weniger als 40 % der Menschen in Wilmersdorf, die in solchen, in der Regel wohl familiären Wohnformen leben. In 51,6 % der Haushalte leben Einzelpersonen; d.h. knapp unter 30 % aller Wilmersdorferinnen und Wilmersdorfer führen freiwillig oder unfreiwillig ein Single-Dasein. Welcher Bedarf hier bestehen könnte, zeigt die große Resonanz, welche die in einzelnen Gemeinden angebotenen "Single-Treffs" finden. Soziale Zusammensetzung Hinsichtlich der Bevölkerungszusammensetzung nach Berufsgruppen sind für mich derzeit nur ältere Angaben greifbar. Die Anteil der Selbständigen an den Wilmersdorfer Erwerbspersonen hatte 1933 20,7 % betragen und lag 1970 noch bei 14 % (7,5 % im Berliner Durchschnitt); demgegenüber war der Anteil der Beamten und Angestellten von zusammen 36,4 % auf 57,3 % gestiegen (Berliner Durchschnitt 44,6 %); der der Arbeiter von 17,4 % auf 28,7%15. Zumindest die in diesen Zahlen sich abzeichnende Zunahme des Anteils von Angestellten und Beamten an der Wilmersdorfer Erwerbs-Bevölkerung dürfte sich eher noch fortgesetzt haben, was insbesondere mit den o.g. großen Verwaltungskomplexen zusammenhängt und mit den Beamtensiedlungen. Daneben gibt es in Wilmersdorf zum Beispiel auch mehrere größere Siedlungsanlagen für Beschäftigte der Berliner Verkehrsbetriebe. Der Anteil der Erwerbspersonen an der Gesamtbevölkerung lag 1999 mit 53,6 % etwas über dem Berliner Durchschnitt von 50,2 % für Berlin insgesamt und 52,6 % für den Westteil. Darunter war der Anteil der Erwerbslosen mit 11, 4 % deutlich niedriger als im Berliner Durchschnitt von 17,5 % (Westteil sogar 18,3 %)16. Auch hinsichtlich des Pro-Kopf-Einkommens steht Wilmersdorf in Berlin gut da: 24,9 % der gesamten Einwohnerzahl hatten hier im Jahr 1999 Nettoeinkünfte von DM 3.000,- und darüber; im Berliner Schnitt waren es 17,1 % bzw. 19,6 % im Westteil. Demgegenüber ist der Anteil der Menschen ganz ohne persönliches Einkommen mit 17,7 % und derer mit Nettoeinkünften unter DM 600,- mit 7,3 % fast gleich dem Berliner Durchschnitt17. 3,4 % Wohngeldempfänger gab es im gleichen Jahr in Wilmersdorf; zum Vergleich: 4,7 % in Charlottenburg, 5,8 % in Schöneberg.18 Hilfe zum Lebensunterhalt bezogen 4,6 % gegenüber 8,3 % bzw. 8,6 % in den genannten Nachbarbezirken19; darunter relativ viele Rentner. Ein wichtiger Indikator für die bezirkliche Sozialstruktur und zugleich eine wesentliche Bezugsgröße für die Angebote der gemeindlichen Jugendarbeit ist die Verteilung der Schülerinnen und Schüler auf verschiedene Schularten im Sekundarbereich. Den weitaus höchsten Anteil hatten die sechs Gymnasien mit, im Jahr 1999, zusammen 4.428 Schülern; darunter allerdings zwei Gymnasien, die bereits mit der fünften Klasse und mit Latein beginnen und deren Einzugsgebiet sich weit über die Bezirksgrenzen hinaus erstreckt. Es folgen zwei Gesamtschulen mit 2.349 Schülern. Die einzige Hauptschule wurde demgegenüber nur von 366 Schülern besucht; an zwei Realschulen lernten zusammen 835 Schüler. An drei Sonderschulen wurden 291 Schüler unterrichtet20. Aus diesen Angaben Prozentzahlen zu bilden, ist nicht sinnvoll, da in den Schüler-Zahlen der Gymnasien und z.T. der Gesamtschulen eine größere Zahl von Klassenstufen enthalten ist. Gleichwohl ist deutlich, dass ein überwiegender Teil von Schülerinnen und Schülern in Wilmersdorf das Abitur anstrebt. Einwohnerzahlen und Kirchenmitgliederzahlen Mit 140.788 Einwohnern wäre Wilmersdorf unter den deutschen Großstädten kurz hinter Neuss, aber noch vor Heidelberg zu zählen gewesen. 1939, als die Bebauung des Bezirks im wesentlichen abgeschlossen war, betrug die Bevölkerungszahl 206.779; das waren 4,8 % der Einwohnerzahl von ganz Berlin. Nach dem Zweiten Weltkrieg war sie 1950 auf 141.665 bzw. 4,2% zurückgegangen, 1961 dann wieder auf 161.964 gestiegen, was einem Anteil von 5,0 % entsprach. Seither gab es einen neuerlichen Rückgang auf Zahlen wie vor fünfzig Jahren und damit wiederum auf 4,2 % der Einwohnerzahl von Berlin.21 Dabei hat die Bevölkerungsabnahme des Jahres 1990 gegenüber dem Vorjahr 0,34 % betragen. Der Sterbeüberschuss von 706 konnte durch ein Plus der Zuzüge gegenüber den Fortzügen in Höhe von 231 nicht ausgeglichen werden. Zum Vergleich: Der Rückgang der Mitgliederzahl des Kirchenkreises von 1999 zu 2000 belief sich auf 1,9 %22. Unter den knapp 141.000 Wilmersdorferinnen und Wilmersdorfern gehörten im Jahr 1999 46.362 der Evangelischen Kirche an, das sind 32,8 %23. Der Berliner Durchschnitt liegt bei 24,1 %; im ehemaligen Westteil bei 33,4 % (ohne den Kirchenkreis Stadtmitte)24. Schon seit langem entspricht der Bevölkerungsanteil der Evangelischen in Wilmersdorf ziemlich genau dem West-Berliner Durchschnitt - auch in seiner jährlichen Abnahme25. Zum Vergleich: im selben Jahr waren in Wilmersdorf 32.619 Menschen in Sportvereinen aktiv; fünfzehn Jahre zuvor waren es 28.745 gewesen26 - eine Zunahme von 11,4 %. Ausländische Menschen in Wilmersdorf Hinsichtlich des Bevölkerungsanteils der Evangelischen ist mit zu berücksichtigen, dass die Einwohnerzahl als Bezugsgröße auch insgesamt 19.881 oder 14,1 % Ausländerinnen und Ausländer umfasst, die nur zum kleinen Teil evangelisch sein dürften; 1984 waren es 13.533 gewesen. Insbesondere der Anteil von Menschen aus außereuropäischen Ländern hat sich in diesem Zeitraum ungefähr verdoppelt, von 4.728 auf 9.387, und macht jetzt fast die Hälfte der Gesamtzahl aus. Knapp 4.000 kommen aus EU-Staaten. Die 1.368 Polen, 962 Italiener und ein Teil der 2.290 Menschen aus dem ehemaligen Jugoslawien (1984 noch: 1.563) dürften nicht unwesentlich zur den Mitgliederzahlen der katholischen Gemeinden beitragen. Mit ganzen 1.923 türkischen Mitbürgern in Wilmersdorf lag dieser Bezirk an 11. und vorletzter Stelle unter den Bezirken des ehemaligen West-Berlins, genauso wie fünfzehn Jahre zuvor, als noch 2.125 Menschen dieser Nationalität registriert wurden. Hinsichtlich des prozentualen Ausländeranteils liegt Wilmersdorf zwar hinter allen anderen westlichen Innenstadtbezirken und hinter Neukölln, immerhin jedoch an siebter Stelle unter den zwölf Bezirken des ehemaligen Westteils - und weit vor allen Bezirken des früheren Ostteils.27 In den Kirchengemeinden tritt dieser nicht unbeträchtlicher Ausländeranteil allerdings kaum in Erscheinung. Zwei Gemeinden beherbergen bei sich ausländische Gemeinden: Hochmeister seit etlichen Jahren die Presbyterianisch-Koreanische Gemeinde und neuerdings Vaterunser die Presbyte-rian Church of Ghana. In den Kindertagesstätten werden immer auch einzelne Kinder anderer Nationalitäten betreut - aber wohl deutlich weniger als in den städtischen Kindertagesstätten Wilmersdorfs. Während die Schulen einschließlich der Gymnasien längst von einer bunten Vielfalt zahlreicher Nationalitäten geprägt sind, gilt dies für die kirchliche Jugendarbeit hier kaum. Nur die wenigen Angebote Offener oder Halboffener Jugendarbeit werden bisweilen auch von ausländischen Jugendlichen, allein oder in Gruppen, aufgesucht. So ist es am ehesten die in den letzten Jahren stark ausgeweitete Vermietung von Gemeinderäumen, die ein wenig internationales Flair in die kirchlichen Gebäude bringt: In den Gemeindesälen finden relativ häufig Hochzeitsfeiern oder ähnliche Großereignisse ausländischer Gemeinschaften statt. Der Beitrag, den Kirchengemeinden hier durch das Zur-Verfügung-Stellen von Räumlichkeiten zur Pflege kultureller Identitäten leisten können, sollte vielleicht nicht unterschätzt werden. Altersstruktur Über die Altersgruppenverteilung informiert die folgende Tabelle; dabei werden den bezirklichen Zahlen aus den Jahren 1984 und 1999 aktuellen Prozentzahlen für den Kirchenkreis Wilmersdorf Stand April 2002 gegenübergestellt28; die Prozentzahlen beziehen sich jeweils auf den Anteil der entsprechenden Altersgruppe an der Gesamtzahl. Altersgruppe 0-5 J. 6-14 J. 15-19 J. 20-44 J. 45- 64 J. 65 J. u. älter Gesamt 1984 in % der Ges.-Bevölkerg. 5,0 6,5 5,2 37,0 23,3 23,0 100 1999 in % der Ges.-Bevölkerg. 4,3 6,2 3,7 36,3 31,8 17,8 100 zum Vergleich: 2002 in % der evangel. Gemeindemitglieder 1,7 4,4 3,3 30,2 30,2 30,2 100 Im Vergleich der Bezirkszahlen zwischen 1999 und 1984 fällt besonders auf, dass der Anteil der über 65Jährigen deutlich zurückgegangen ist - unter ihnen noch immer mehr als zwei Drittel Frauen -, während gleichzeitig die Altersgruppe von 45 - 64 Jahren einen erheblichen Zuwachs verzeichnet: Menschen im fortgeschrittenen Erwerbsalter, von denen aber nicht wenige auch durch Arbeitslosigkeit, vorgezogenen Ruhestand oder Abschluss der "Familienphase" in einen neuen Lebensabschnitt eingetreten sind. Hierauf beziehen sich Angebote wie "Forum 50plus". Allgemein lässt sich also sagen: Die Zeiten einer enormen Überalterung der Bevölkerung sind auch in Wilmersdorf offenbar vorbei. Dies gilt freilich noch nicht für die Altersgruppenverteilung in den Kirchengemeinden. Hier ist immer noch fast jedes dritte Mitglied 65 Jahre oder älter, während die Anteile der Mitglieder unter 45 Jahren von Altersgruppe zu Altersgruppe stärker nach unten abweichen: Folge von Austritten und geringeren Tauf-Zahlen schon seit Jahrzehnten. Dazu gleich noch einige Überlegungen. Zuvor ist hier noch auf eine demographische Entwicklung hinzuweisen, die aus der allgemeinen Zahlenentwicklung nicht zu ersehen ist: Die Zahl der über 90jährigen ist im gleichen Zeitraum von 1.041 im Jahr 1984 auf nunmehr 1.607 gestiegen29. Relativ zur Bevölkerungszahl gibt es noch mehr Hochbetagte nur in Zehlendorf und in Steglitz. Hierzu dürfte, wie auch in jenen, jetzt fusionierten Bezirken, wesentlich die hohe Zahl von städtischen und privaten, darunter auch zwei evangelischen, Seniorenwohn- und Pflegeeinrichtungen, z.B. erheblicher Größe, beitragen. Hier ist ein neues Problemfeld entstanden, für das es bisher noch nicht einmal Lösungsansätze gibt: Wie kann für die inzwischen hohe Zahl von Schwerstpflegebedürftigen in den Einrichtungen, für ihre Angehörigen und auch für das Pflegepersonal ein kirchliches Angebot der Begleitung gemacht werden - und dies angesichts einer durchschnittlichen Verweildauer in den entsprechenden Abteilungen von nur mehr sechs Monaten und eines Anteils von stark Altersverwirrten von über 70 %? Abwärtstrend der kirchlichen Mitgliederzahlen und Ansatzpunkte für Gegenstrategien Insbesondere der Anteil der Kinder und Jugendlichen bis zu zwanzig Jahren an der Gesamtzahl der Gemeindemitglieder ist vergleichsweise noch deutlich niedriger als ihr ohnehin schon geringer Anteil an der Gesamtbevölkerung. Dies ist die statistische Folge der Tatsache, dass die Taufe in Wilmersdorf, wie in Berlin insgesamt, längst nicht mehr für alle Kinder aus Familien mit evangelischen Eltern gewünscht wird. Wenn man davon ausgeht, dass nach einem Alter von fünfzehn Jahren ein Taufbegehren nur noch in seltenen Fällen gestellt wird, zeigen die niedrigen Anteile der unter 20jährigen, wohin es insgesamt mit der kirchlichen Mitgliedschaftsentwicklung gehen wird: In 45 Jahren würde es statt jetzt 13.102 nur noch 4.066 Mitglieder zwischen 45 und 64 geben - selbst wenn es keinerlei Verluste durch Austritte mehr geben sollte! Die geringeren Zahlen für die unteren Altersgruppen von heute werden sozusagen im Laufe der Zeit nach oben "durchgereicht"; in den darauf folgenden Generationen werden es dementsprechend noch weit weniger sein. Dies ist für die Mitgliedschaftsentwicklung auf längere Sicht folgenreicher als alle Austrittszahlen jetzt. Die bloße Fortschreibung der jetzigen Zahlen wird in wenigen Jahrzehnten eine weitere Halbierung der kirchlichen Mitgliederzahlen zur Folge haben! Hierauf müssen sich die kirchlichen Strukturüberlegungen nüchtern einstellen. Anders gesagt: Ein Versuch dagegenzusteuern sollte schwerpunktmäßig dabei ansetzen, Kirche für junge Eltern und für Kinder attraktiv zu machen; nicht nur trotz, sondern gerade wegen der geringen Anteile der jüngsten Altersgruppen schon an der Gesamtbevölkerung und erst recht an der Gesamtzahl der Kirchenmitglieder. Zugleich stellt die Frage sich immer dringlicher, ob die Kirche nicht, neben der durch die Taufe begründeten Voll-Mitgliedschaft, auch andere Formen der Zugehörigkeit entwickeln und anbieten sollte. Zu den Wilmersdorfer Erfahrungen gehört jedenfalls, dass Kirche weit über den Kreis ihrer Mitglieder hinaus in Anspruch genommen wird - und dass es durchaus manche Bereitschaft von Nicht-Mitgliedern gibt, sie im Konkreten auch finanziell und verbindlich zu stützen. Abschließend noch statistische Angaben, die in Relation zu den Zahlen des kirchlichen Lebens für Trauungen und Taufen zu setzen wären:30 Die Zahl der Eheschließungen ist von 14 je 1000 Einwohner im Jahr 1984 auf 7,1 zurückgegangen. Hiermit liegt Wilmersdorf, unter anderem sicherlich wegen seines attraktiven Standesamtes, noch deutlich über dem Berliner Durchschnitt. Dieser wurde für 1966 mit 10,0 angegeben, für 1984 mit 6,6 und für 1999 mit 4,3 Eheschließungen je 1000 Einwohner. Hingegen liegt Wilmersdorf, trotz der gut angesehenen Geburtshilfeabteilungen seiner beiden, konfessionellen Krankenhäuser, mit 7,7 Geburten je 1000 Einwohner um 1,1 unter dem jetzigen Berliner Schnitt und ebenfalls um 1,1 unter dem Wert von 1984. 31 1 H.-U. Kamke, S. Stöckel, Wilmersdorf. Geschichte der Berliner Verwaltungsbezirke, Bd. 11, hg. v. W. Ribbe, 1989. Hier und im folgenden wird noch vom "Bezirk" Wilmersdorf gesprochen, obwohl es diesen inzwischen nur noch als Teil des fusionierten Bezirks "Charlottenburg-Wilmersdorf" gibt. Aber die zugrundegelegten statistischen Daten beziehen sich noch auf den früher einzeln existierenden Bezirk - und dies ist ja auch die passende Bezugsgröße für den Kirchenkreis Wilmersdorf, um dessen Präsentation es hier geht. 2 Die bezirklich zu Wilmersdorf gehörende Villengegend rund um das Roseneck zählt kirchlich zu Dahlem, Kirchenkreis Teltow-Zehlendorf. 3 Statistisches Jahrbuch Berlin, 2000, S. 22; das unbebaute Gebiet des Grunewalds, jenseits von Bahnlinie und AVUS, gehört kirchlich zu Charlottenburg 4 Statistisches Jahrbuch Berlin, 2000, S. 24 5 Statistisches Jahrbuch Berlin, 1985, S. 58 6 Im Jahr 1985 wurden für ganz Wilmersdorf 1.256 gut über die gesamte Siedlungsfläche verteilte Einzelhandelsgeschäfte mit 5.470 Beschäftigten gezählt; vgl. Kamke, Stöckel, a.aO., S. 19 7 Prozentzahl errechnet nach: Statistisches Jahrbuch Berlin, 2000, S. 22 8 Statistisches Jahrbuch Berlin, 2000, S. 311 9 Statistisches Jahrbuch Berlin, 1985, S. 213 10 Statistisches Jahrbuch Berlin, 1985, S. 208 11 Kamke/Stöckel, S. 19 12 Statistisches Jahrbuch Berlin, 2000, S. 80 13 Statistisches Jahrbuch Berlin, 1985, S. 82 14 Prozentangaben ermittelt nach: Statistisches Jahrbuch Berlin, 2000, S. 61; Statistisches Jahrbuch Berlin, 1985, S. 64 15 Kamke/Stöckel, a.a.O, S. 18 16 Statistisches Jahrbuch Berlin, 2000, S. 59 17 Prozentzahlen errechnet nach: Statistisches Jahrbuch Berlin, 2000, S. 60 18 Statistisches Jahrbuch Berlin, 2000, S. 429 19 Prozentzahlen errechnet nach: Statistisches Jahrbuch Berlin, 2000, S. 442 20 Statistisches Jahrbuch Berlin, 2000, S. 141 - 147 21 Statistisches Jahrbuch Berlin, 2000, S. 32 22 Statistisches Jahrbuch Berlin, 2000, S. 72 f.; dazu die Gemeindegliederstatistik vom 1.4.2000 23 Die aus der kirchlichen Statistik für 1999 zu errechnende Prozentzahl ist mit 33,5 etwas höher, da man hier von einer etwas niedrigeren Einwohnerzahl ausgeht, als sie das Statistische Jahrbuch angibt. 24 errechnet nach der Gemeindegliederstatistik 1.4.2000; Kirchenkreis Stadtmitte nicht mitgerechnet - mit 17,8 % Evangelischen würde er den Durchschnittswert erheblich senken. 25 siehe hierzu S. 4ff dieses Berichts 26 Statistisches Jahrbuch Berlin, 1985, S. 144; 27 Statistisches Jahrbuch Berlin, 1985, S. 50; Statistisches Jahrbuch Berlin, 2000, S. 56 28 Tabelle erstellt nach Statistisches Jahrbuch Berlin, 1985, S. 71; 2000, S. 38; Kirchliche Mitgliederzahlen aus dem Meldewesenprogramm DaviP, Stand: April 2002 29 Statistisches Jahrbuch Berlin, 2000, S. 50 30 vgl. S. 11 in diesem Bericht 31 Statistisches Jahrbuch Berlin, 1985, S. 69; 2000, S. 74