Einblicke in die Kirchengeschichte von Berlin-Wilmersdorf

Im StadtTeilBuch von Berlin-Wilmersdorf finden sich folgende einführende Zeilen in die Wilmersdorfer Kirchengeschichte:

"Über die Gründung und den Bau der Wilmersdorfer und Schmargendorfer Dorfkirchen gibt es keine Urkunden. Man ist auf Vermutungen angewiesen und auf Vergleiche mit Kirchen von benachbarten Dörfern. Denn die Kirchenbücher und andere Urkunden sind erst ab 1714 lückenhaft vorhanden. Die Verwüstungen des 30jährigen Krieges (1618 - 1648), Kirchenbrände und Plünderungen haben hier wie an vielen märkischen Orten für einen fast vollständigen Verlust schriftlicher Überlieferungen gesorgt. Noch 1806/07 gehen die Wilmersdorfer Pfarrakten bis auf 5 Kirchenbücher bei einer Plünderung durch französische Soloarten verloren.

Die Pfarr zu Wilmersdorf findet sich erstmals 1293 in einer Verschreibung Markgraf Albrechts. Aber erst fast 100 Jahre später, im Jahre 1375, wird dann im Landbuch Karls IV mit Arnold Krewitz ein Geistlicher für die Kirche in Wilmersdorf genannt. Von der alten Wilmersdorfer Kirche, die 1766 abbrennt und 1772 durch einen Neubau ersetzt wird, gibt es keine Abbildungen."

Schon sehr früh, nachweislich seit 1373, wurde das Dorf Lützow, das weitgehend auf dem Gebiet des heutigen Charlottenburg lag, durch den Wilmersdorfer Pfarrer betreut. Im Jahre 1708 wird Charlottenburg zur selbständigen Kirchengemeinde. Dafür werden die Pfarren Schmargendorf und Dahlem von dieser Zeit an von der Wilmersdorfer Pfarre mitversorgt. Die ganze Mark Brandenburg wurde im Zuge der Reformation protestantisch. Die Wilmersdorfer und die Schmargendorfer Kirche wurden im Jahre 1843 neu ausgebaut. Erst zu dieser Zeit wurde es üblich, kirchliche Amtshandlungen mit Geld zu bezahlen. Davor wurde der Pfarrer für seine Dienste meist in Naturalien entlohnt.

Die Gründerzeit mit ihrem großen Bevölkerungswachstum führte bald zu einem Kirchenneubau. 1895 bis 1897 wurde die heutige Auenkirche erbaut. Diese neue Kirche befand sich hinter der alten Dorfkirche, die - unter Protest der Gemeinde - ein Jahr nach Fertigstellung der neuen Kirche abgerissen wurde.

Um 1900 wurden Grunewald, Schmargendorf und Dahlem eigenständige Kirchengemeinden. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte es für das ganze Gebiet nur den Wilmersdorfer Pfarrer gegeben, der die anderen Gemeinden mitversorgte. In den Jahrhunderten von der Reformation bis zum Ende der Landgemeinde Deutsch-Wilmersdorf im Jahre 1906 hatte es in der Wilmersdorfer Pfarre nur 13 aufeinanderfolgende Pfarrer gegeben. Als Pfarrer Friedrich Christoph Kriebitz 1896 seine Stelle antrat, war er der letzte alleinige Pfarrer in Wilmersdorf. In seine Amtszeit fiel der Einbruch der neuen Zeit, mit der er, wie sein späterer Amtskollege Pfarrer Kaiser vermerkte, nur schwer Schritt halten konnte. Pfarrer Kaiser charakterisierte seinen älteren Amtskollegen folgendermaßen (siehe auch unten: Pfarrer Kaiser: Die Pfarrer von Wilmersdorf)

"Der persönlich aller Ehren werte Konsistorialrat war der modernen Zeit innerlich sehr abhold, lebte mit seinem Herzen ganz in der alten Zeit, widmete seinem Dienst im Konsistorium viel Zeit und Interesse und lehnte jede Erleichterung im pfarramtlichen Bürodienst schroff ab. Mit seinem Küster, dem Konrektor Neisse, erledigte er alles am liebsten selbst, auch die kleinlichen Schreibereien. Im Gemeindekirchenrat führte er ein eisernes Regiment, das geduldig, manchmal auch ungeduldig, ertragen wurde."

Dennoch war es der Geheime Konsistorialrat Pfarrer Kriebitz, der sich für den Bau der Halenseer Kirche besonders einsetzte. 1910 wurde die Kirche am Hochmeisterplatz als zweite Wilmersdorfer Kirche eingeweiht. 1929 wurde die Kreuzkirche in Schmargendorf geweiht, die damals noch nicht zum Kirchenkreis Wilmersdorf gehörte. 1933 kam die Kirche am Hohenzollernplatz hinzu und 1936 schließlich die Lindenkirche.

Bis zum Ende des zweiten Weltkriegs bildeten die vier Wilmersdorfer Kirchen eine Kirchengemeinde mit gemeinsamem Gemeindekirchenrat in der Auenkirche. Kurz nach dem Ende des Krieges löste sich dieser Verband auf. Seitdem bestehen sie als selbständige Kirchengemeinden. 1948 wurde der zu groß gewordene Kirchenkreis Kölln-Land I, der das ganze südöstliche Berlin umfasste, in die drei Kirchenkreise Wilmersdorf, Steglitz und Zehlendorf aufgegliedert. Zum Kirchenkreis Wilmersdorf gehören nun auch die Kirchengemeinden Grunewald und Schmargendorf.

Durch die Beschädigungen im 2. Weltkrieg waren außer der Schmargendorfer Dorfkirche alle Kirchen des neuen Wilmersdorfer Kirchenkreises nicht mehr benutzbar. Die Instandsetzungen zogen sich, bedingt durch den Geld- und Materialmangel der Nachkriegszeit, sehr lange hin. 1949 wurde die wiederhergestellte Auenkirche eingeweiht, 1951 die Lindenkirche, 1953 die Kreuzkirche, 1955 die Kirche am Hohenzollernplatz, 1956 die Grunewaldkirche und schließlich 1958 die Hochmeisterkirche.

Am 18. März 1961 wurde die neuerbaute VaterunserKirche eingeweiht. Und zuletzt wurde 1965 die Danielkirche erbaut und als eigenständige Gemeinde vom Gebiet der Kirche am Hohenzollernplatz und der Hochmeisterkirche abgezweigt. Diese Aufteilung des Kirchenkreises besteht bis heute.


Für das 1955 erschienen Gemeindebuch der Evangelischen Kirchengemeinden des Kirchenkreises Berlin-Wilmersdorf hat der langjährige Pfarrer der Hochmeisterkirche Kaiser einen Beitrag über die kirchengeschichtliche Entwicklung Wilmersdorfs geschrieben, den wir hier in voller Länge wiedergeben:

Die Pfarrer von Wilmersdorf

Von allen Pfarrern, die in den ersten dreieinhalb Jahrhunderten nach der Gründung Wilmersdorfs im Dienst der mittelalterlichen
Mit dem Jahre 1539 begann die Reformation in der Mark Brandenburg, mit ruhigem Geist, ohne Bilderstürmer und radikalen Bruch mit aller katholischen Vergangenheit. Die führenden katholischen Priester traten entweder nach dem Vorbild ihres Bischofs Matthias von Jagow in Brandenburg zur evangelischen Lehre über, oder wurden, soweit es möglich war, durch evangelische Prediger ersetzt; und diese Prediger römischkatholischen Kirche ihr Amt hier verwaltet haben, fehlt jede persönliche Nachricht. Sie waren nicht „Missionare" im ehedem heidnischen Gebiet, sondern sie waren mit und für die deutschen christlichen Ansiedler gekommen und hatten gewiß in der herben Einfachheit jener Zeit ihre Pflicht getan wurden durch sorgfältige Visitationen auf die alten Bekenntnisse und die neuen evangelischen Bekenntnisschriften verpflichtet und in ihre Rechte und Einkünfte neu versichert und eine feste Kirchenordnung erlassen.
Aus jener ersten evangelischen Zeit wird uns aus dem Jahre 1543 der evangelische Pfarrer Krüger genannt, ohne daß weiteres von ihm bekannt wäre; dann um 1600 Gabriel Engel und aus den schweren Zeiten des Dreißigjährigen Krieges Ambrosius Cappenius und Lorenz Bernau, die die Verwüstung der Stadt miterlebten und den Untergang der alten Dörfer.
Nach diesen ersten vier, sonst weiter nicht bekannten evangelischen Pfarrern beginnt nun mit dem Wiederaufbau der Gemeinden eine seit 1665 ununterbrochene Reihe der Pfarrer von Wilmersdorf.
48 Jahre lang hat Pfarrer August Gerlach (von 1665 bis 1713) sein Amt geführt im Geiste des strengen Luthertums und einer strengen Kirchenaufsicht. Die Prüfungen im ersten und zweiten theologischen Examen stellten hohe Anforderungen in Bibelkenntnis, den alten Sprachen und Vertrautheit mit den Bekenntnisschriften. Eine Predigt durfte nicht länger als eine Stunde dauern, sonst gibt es Strafe: zwei Taler in die Kirchenkasse Jede Predigt mußte nachweislich konzipiert sein; Wiederholung war verboten. Für die Feiertage galten strenge Bestimmungen. Das alte Luthertum verbot jeden Christbaum in der Kirche, jedes Krippenspiel. Wochengottesdienste sollten auf dem Lande montags, mittwochs, freitags gehalten werden, kamen aber allmählich mehr und mehr ab. Der sonntägliche Gottesdienst trug die altlutherische Form in regelmäßiger Verbindung mit dem Heiligen Abendmahl, das zu halten war, auch wenn nur c i n Kommunikant vorhanden sein sollte. Die Konfirmation kannte Pfarrer Gerlach noch nicht - sie erfolgte erst einige Jahrzehnte später -, wohl aber war auch ihm Jugenderziehung befohlen und Prüfung der Jugend vor der ersten Feier des Heiligen Abendmahls. Nach der Verrohung der jungen Menschen im Dreißigjährigen Krieg dürften die Alten nicht warten, „bis die Kinder das 15. und .16. Jahr erreicht haben zum Lesen und Lernen des Katechismus, sondern mit dem 12. und 13. Jahr".
In die lange Amtszeit des Pfarrers Gerlach fiel noch die Krönung des Kurfürsten zum König in Preußen am 18. Januar 1701 und die beginnende geistige Wirkung des Pietismus neben dem strengen Luthertum, zudem (1691) Philipp Jakob Spener in Berlin wirkte und (1615) die Universität Halle gegen die sächsischen streitbaren Universitäten Jena und Leipzig gegründet war.
Diese Tradition wird im wesentlichen zur Zeit des Soldatenkönigs Friedrich Wilhelms I. der Nachfolger im Amt Johann Christian Balde (1713-1740) bewahrt haben. Über den Eindruck seiner Präsentation meldet das Kirchenbuch: „Die Predigt war sehr elaboriert und wurde mit penetranter (de h. vernehmlicher) Stimme vorgetragen." Er schreibt im alten Kirchenbuch von Dahlem, daß hier über dreißig Jahre nicht gepredigt worden sei, „weil das Dorf selbst öde und wüste gestanden hatte und kein einziger Mensch dort gewohnt hatte". Balde hat wieder Ordnung in die Verwaltung der Pfarrei Dahlem gebracht, die Gemeinde neu gesammelt und mit der Anlage von Kirchenbüchern 1714 begonnen. Er war zweimal verheiratet. Seine zweite Frau neigte mehr zum Stadtleben in Berlin; so mühte er sich für seine Familie mit sechs Kindern selbst mit Arbeiten in Landwirtschaft und Haushalt ab. Nach dem Brand seines Pfarrhauses übernahm er die Pfarrstelle in Krenzlin.
Unter Friedrich dem Großen erhielten am 22. August 1740 der Propst und Konsistorialrat Reinbeek und Amtsrat Sehwechten vom König den Befehl, die beiden Kandidaten Peters und Fuhrmann an einem Tage hintereinander in Wilmersdorf predigen zu lassen; aber der Herr von Wilmersdorf als Patron der beiden Filialen Dahlem und Schmargendorf wünschte beide Kandidaten auch zu hören. Bei der Wahl erhielt gegen die Stimme des Patrons Pfarrer Fuhrmann das Pfarramt.
Samuel Gottlieb Fuhrmann hat Wilmersdorf 28 Jahre lang treu geführt, zuerst gegen den Widerstand des Patrons und der Bauern in Dahlem, dann in den Nöten des Siebenjährigen Krieges, dann, nach dem endlichen Friedensschluß, als der große Brand im Dorfe Kirche und Pfarrhaus einäscherte. Durch die Aufregungen, körperlichen Anstrengungen und Verarmung wurde er kränklich, gemütsleidend und starb mit 55 Jahren; er hinterließ seine Witwe und sieben Kinder.
Sein Nachfolger wurde sein Schwiegersohn Christoph Friedrich Henning, 391/4 Jahr alt. Er verwaltete das Pfarramt zwanzig Jahre (1769 bis 1789), baute Kirche und Pfarrhaus wieder auf. In seiner Zeit herrschte der Geist der Aufklärung, der sich auch in der Unmasse der aufgetragenen Abkündigungen geltend machte: Über die Pflicht, Maulbeerbäume zu pflanzen, die Seidenspinnerei zu fördern, Kampf gegen die Heuschreckenplage, Vertilgung von Sperlingen und Krähen, geregelte Feuerwehr im Dorf, Verbot, fremde Tücher zu kaufen und lieber selbst Flachs zu bauen und Spinnräder laufen zu lassen u. dgl. Nach seinem Tode drohte die Aufhebung der Pfarre von Wilmersdorf. Die Regierung als Patron von Wilmersdorf scheute die Ausgaben für Pfarre und Kirche. Also sollte Wilmersdorf an Schöneberg angegliedert werden, Kirchenland und Pfarrhaus sollten verpachtet werden, und mit der Pacht sollte das Pfarrhaus in Schöneberg massiv erneuert werden. Die Filialen Dahlem und Schmargendorf sollten irgendwo einer benachbarten Pfarre angeschlossen werden. Aber das Geistliche Ministerium unter Minister Wöllner ging darüber hinweg und berief den Pfarrer und Rector Joachim Friedrich Kutzbach aus Kremmen, geboren in Nauen als Sohn des dortigen Arztes und Apothekers. Er wurde am 10. Dezember 1790 in die Pfarrämter Wilmersdorf, Schmargendorf und Dahlem eingeführt; er amtierte hier bis zu seinem Tode 1807. Er erlebte die Napoleonszeit mit allen ihren Schrecken. In der Chronik von Wilmersdorf wird er charakterisiert als ein vorzüglicher philosophischer Kopf und als ein guter Verwalter der Einkünfte und Liegenschaften der Pfarre. Etliche Jahre nach seinem Tode allerdings sah sich der Superintendent veranlaßt, Mißstände in der Gemeinde auf das Ärgernis zurückzuführen, das ehemals „durch den dem Trunk ergebenen, sehr gesunkenen Pfarrer Kutzbach" gestiftet worden war. Ein Jahr nach der grauenhaften Drangsalierung des Dorfes durch französische Truppen starb er erschöpft; er hinterließ seine zweite Ehefrau, in der Chronik gewürdigt als vortreffliche Mutter, Hausfrau und Landwirtin, und mehrere Kinder.
Während die Franzosen Berlin besetzt hielten und in der Stadt nach den ersten lähmenden Erschütterungen eine durchaus würdige Haltung in den leitenden Kreisen eingenommen wurde - als Schleiermacher das anerkannte Haupt einer inneren, gesammelten, geläuterten Widerstandsbewegung wurde -, wurde in das arg heimgesuchte Wilmersdorfer Pfarramt der Nachfolger Schleiermachers an der Charité in Berlin, Pfarrer Christoph Eberhard Wilhelm Ritter, berufen. Er verwaltete das Pfarramt vom 8. Januar 1809 bis 28. November 1846 und erlebte den beginnenden Übergang Wilmersdorfs aus einem kleinen märkischen Dorf zu einem bevorzugten Villen-Vorort von Berlin in der Fülle der Geschichte seiner Zeit. Er war ein einfältig frommer Mann, ein philosophischer Kopf und ein geschickter Organisator. In stiller, treuer Arbeit mühte er sich unermüdlich, die Folgen der unglücklichen zurückliegenden Jahre zu überwinden und die ihm anvertrauten Gemeinden in Ordnung zu halten und zu festigen. Er ließ mancherlei größere und kleinere Bauarbeiten an den Kirchen und anderen kirchlichen Gebäuden ausführen, sorgte für Anschaffung neuer Ausstattungsstücke von der Altarbekleidung bis zur Orgel und Turmuhr. Dazu kam seine Arbeit als Organisator des Pfarrvermögens, die Neuordnung der Verpachtung der kirchlichen Ländereien und das Pfarrarchiv. Dieses wurde seine stille Gelehrtenarbeit. Mit bewundernswertem Fleiß hat er die Geschichte seiner Vorgänger im Amt erforscht und aufgeschrieben. Er starb im Alter von 73 Jahren. Seine letzte Ruhestätte fand er auf dem alten Kirchhof. Sein Grab ist auch heute dem Besucher der neuen Auenkirche noch an der Westwand erhalten.
Bei seinem Tode waren die drei Gemeinten noch Dörfer, die zwar den ersten Zuzug wohlhabender Bürger, welche sich hier Landhäuser bauten, erhielten. Das kirchliche Leben wurde hiervon aber noch nicht viel berührt. Die drei nächsten Nachfolger Ritters waren jeder nur wenige Jahre hier im Amt. Friedrich August Schulz, vorher Diakonus und Rektor in Bat Freienwalde, der das Revolutionsjahr 1848 miterlebte, hat über Wilmersdorf und sich selbst nichts Besonderes berichtet. Zur Zeit des Pfarrers Julius Friedrich Michaelis (1854-1864) wurde aus dem Dorf Wilmersdorf bereits eine gewisse Landgemeinde. Ihm folgte ein Pfarrerssohn: Heinrich Gottlob Eger. Er kam aus Izabel (Brasilien) und blieb nur vier Jahre in Wilmersdorf.
Dann aber kam mit Pfarrer Otto Andreae 1870 aus Westfalen im Alter von 45 Jahren der Geistliche, der den Übergang aus der Zeit der Dorfgemeinte zu einer unaufhaltsam wachsenden Vorortgemeinte Berlins miterlebte und nach Kräften ihr gerecht zu werten suchte. Neben dem zusehends sich vergrößernden Wilmersdorf mußte er die 1872 entstandene Kolonie Friedenau mitversorgen. Unter Pfarrer Andreae wurden neue Kirchenbauten erwogen: entweder die seit etwa 1770 bestehende Kirche an der Wilhelmsaue, die nur dreihundert Plätze hatte, abzureißen und dort eine neue zu bauen, oder eine zweite im Norden, etwa am jetzigen Hohenzollernplatz, zu bauen. Andreae war gegen den Abriß und glaubte, einstweilen mit der alten Kirche auszukommen. Den Friedenauern versprach er, dorthin zu kommen und in Privathäusern Gottesdienste zu halten. Das geschah tann auch in sehr unzulänglichen Räumen. Nachdem Friedenau eine eigene politische Gemeinte geworden war, konnte dort das Gotteshaus am Friedrich-Wilhelm-Platz errichtet werten. 1889 wurde dort eine selbständige Kirchengemeinte mit eigenem Pfarrer geschaffen, und der Wilmersdorfer Geistliche war der zusätzlichen Belastung ledig.
Andreaes Nachfolger wurde Hofprediger Richard Julius Schrader im Alter von 49 Jahren. Von 1879-91 war er Amtsbruder des temperamentvollen Hofpredigers Stöcker am Dom und hatte es nicht leicht neben ihm und mit ihm. Jedenfalls verzichtete er auf diese Stelle und übernahm gern Wilmersdorf, das ja nun auch immer mehr den Charakter einer Stadtgemeinde bekam, obwohl über der Wilhelmsaue selbst noch immer etwas von der Stille der alten Aue lag. Schrader vergrößerte das Pfarrhaus, gründete einen Frauenverein, den Helferkreis der Kindergottesdienste und sah die Notwendigkeit erweiterter kirchlicher Aufgaben, aber er fühlte sich durch die Eigenart der Entwicklung der politischen Gemeinte gehemmt. Er war auch der erste Pfarrer, der mit dem Pfarramt das Amt eines Konsistorialrats verband und dadurch noch mehr in der völligen Hingabe an die dringenden Aufgaben in Wilmersdorf gehindert wurde. Er wirkte hier nur fünf Jahre; dann starb er 1895.
Ihm folgte am 1. Januar 1896 bis Oktober 1917 Friedrich Christoph Kriebitz, 59 Jahre alt, früherer Militärpfarrer, Bitter des Eisernen Kreuzes am weißen Band, Sohn eines Divisionsküsters in Erfurt. Zugleich nun auch Konsistorialrat in Berlin, war er ein kerniger Charakter, ganz durchdrungen von militärischer Disziplin, eine hagere, eindrucksvolle Gestalt mit markantem Gesicht, persönlich völlig anspruchslos, von innerer Herzensgüte, die aber meist unter einer sehr rauhen Oberfläche verborgen war, geneigt zum Befehlston auch im kirchlichen Umgang, und wenig veranlagt zu wirklich brüderlichem Verkehr. Er war, alt, er eintrat, der letzte alleinige Pfarrer von Wilmersdorf und konnte sich nur sehr schwer in die neue Zeit hineinfinden, die auf das dringendste eine längst notwendige Vermehrung der Pfarrstellen und der Kirchenbauten forderte; wuchs doch \Wilmersdorf während seiner Amtszeit in geradezu amerikanischem Tempo an. Nachdem von der Pfarrstelle die Verantwortung für Friedenau, Schmargendorf, Dahlem und Grunewald, die zu selbständigen Gemeinten erhoben wurden, genommen war, hätte man sich um so mehr nun auf die Entwicklung im eigenen Raum als Großstatt einstellen können. Aber hier kamen nun Hemmungen auf Hemmungen, die der Konsistorialrat, spätere Geheime Konsistorialrat, Erste Pfarrer und frühere Militärpfarrer nicht zu meistern wußte - soweit das hier, wie überall in den Berliner Gemeinten, möglich gewesen wäre. Zwar wurde endlich eine neue Kirche gebaut, die Auenkirche, sonst aber blieb die kirchliche Bauentwicklung still. Die längst notwendig gewordene angemessene Vermehrung der Pfarrstellen unterblieb auch; nur ein Hilfsprediger, später erst ein zweiter Pfarrer wurden berufen. Der persönlich aller Ehren werte Konsistorialrat war der modernen Zeit innerlich sehr abhold, lebte mit seinem Herzen ganz in der alten Zeit, widmete seinem Dienst im Konsistorium viel Zeit und Interesse und lehnte jede Erleichterung im pfarramtlichen Bürodienst fast schroff ab. Mit seinem Küster, dem Konrektor Neisse, erledigte er alles am liebsten selbst, auch die kleinlichen Sehreibereien. Im Gemeindekirchenrat führte er ein eisernes Regiment, das geduldig, manchmal auch ungeduldig ertragen wurde. Noch vor dein Ente des ersten Weltkrieges wurde er in den Ruhestand versetzt. Ein halbes Jahr danach, am 9. April 1918, entschlief im 81. Jahr der alte Pfarrer. Er wurde aufgebahrt vor dem Altar der in seiner Amtszeit erbauten Auenkirche. Seine Freunde sagten: „Wenn es möglich gewesen wäre, am liebsten in einem Sarg mit den altpreußischen Farben, schwarz und weiß, wie die Schilderhäuschen der preußischen Wachenl"
Während in den Jahrhunderten, von der Reformation bis zum Ende der Landgemeinde „Deutsch-Wilmersdorf", mit einem Pfarrer und einer Kirche nur dreizehn Pfarrer nacheinander gefolgt waren, stieg bis 1949 die Zahl weiter von 13 auf 40, und diese Zahl reicht noch nicht aus.
Seit Beginn des Jahrhunderts bis 1936 wurden die fünf neuen Kirchen und die Gemeindehäuser im Stadtbezirk Wilmersdorf gebaut. Die Reihen der Pfarrer an den einzelnen Kirchen weisen folgende Namen auf.
1. An der Auenkirche die Pfarrer Theodor Kypke, Rudolf Kugel, D. Theodor Lang, Wilhelm Lunte, Kurt Peters, Felix Schultze, Werner Knobel, Wolfgang Krössin, Kurt Schubert.
2. An dir Hochmeisterkirche die Pfarrer Hans von Schierstedt, Albrecht Kaiser, Max Ulich, Gerhard Hopp, Friedrich Zunkel, Heinz Jensch, Artur Borchers.
3. An dir Kirche am Hohenzollernplatz die Pfarrer Dr. Dr. Adolf Schettler, Dr. Otto Frommel, Berhard Teicke, Eduard Lindenmeyer, Max Mehlfeld, Friedrich Lindenmeyer, Herbert Kittel. 4. An der` Lindenkirche die Pfarrer Heinrich Beschoren, Heinrich Hüffmeier, August Winkler, Johannes Block, Hans Engeln, Richard Ademeit, Rudolf Neuberg, Wolfgang Schaeffer, Ortwin Wendland.
5. In Schmargendorf die Pfarrer Friedrich Daab, Hugo Nehmiz, Lic. Wilhelm Scholz. Friedrich Künkel. Georg Blich, Ernst Jacobi, Erhard Schendel, Lic. Dr. Herbst, Werner Zillich.
6. In Grunewald die Pfarrer D. Dr. Hermann Priebe, Karl Neutmann,Lic. Bernhard Schlauck.
Nach dir Beendigung dis letzten Krieges führte die Neuordnung der Kirche auch die Aufteilung dis viel zu groß gewordenen Kirchenkreises Kölln-Land I in drei neue, kleinere Kirchenkreise, Wilmersdorf, Steglitz, Zehlendorf, herbei. Zum Superintendenten unseres Kirchenkreises wurde Pfarrer Hüffmeier von der Lindenkirche berufen und *m 21. Mai 1948 in der Kreuzkirche zu Schmargendorf durch Bischof D.Dibelius in sein neues Amt eingeführt.

Kaiser