Der Kirchenkreis Wilmersdorf Bericht zum Gesamtkonvent des Sprengels Berlin, 5. Mai 2004, Ev. Kirchengemeinde Am Hohenzollernplatz Martin Germer, stellv. Superintendent Erster Überblick Mit rund 42.000 Mitgliedern liegt der Kirchenkreis Wilmersdorf an zehnter Stelle unter den 14 Kirchenkreisen des Sprengels Berlin; der Anteil der evangelischen Gemeindemitglieder an der Wohnbevölkerung entspricht mit - im Jahr 2002 - 31,8 % wie schon seit langem ziemlich genau dem durchschnittlichen Anteil im ehemaligen Westteil der Stadt. Die neun Kirchengemeinden haben gegenwärtig zwischen 7.400 und 2.300 Mitglieder. Beruflich und ehrenamtlich Tätige: 15 Pfarrstellen im Gemeindedienst sowie die Stelle des Superintendenten sind derzeit besetzt und dazu 1,8 Pfarrstellen in der Krankenhausseelsorge, die im evangelischen Martin-Luther-Krankenhaus ganz und im katholischen St.-Gertrauden-Krankenhaus immerhin anteilig von den Krankenhausträgern finanziert werden. Im dsp-Bereich gibt es 10 Stellen, 2,7 Stellen plus mehrere Honoraraufträge im kirchenmusikalischen Dienst, 6,75 Stellen im Bürodienst und etwa ebensoviel im Hauswart- und Reinigungsbereich. Neben diesen hauptamtlichen Kräften sind in allen Gemeinden und in fast allen Arbeitsbereichen zahlreiche Menschen ehrenamtlich engagiert, sei es helfend oder auch mit vielfältiger, eigenständiger Leitungsverantwortung; bis zu rund 200 in einer einzelnen Gemeinde. Die Wilmersdorfer Kirchenlandschaft ist überaus vielfältig und durchweg in gutem baulichem Zustand. Neben einer kleinen mittelalterlichen Dorfkirche gibt es drei evangelische Kirchen aus der Zeit des Historismus. Unter den drei um 1930 herum gebauten Kirchen sind die Schmargendorfer Kreuzkirche und die Kirche Am Hohenzollernplatz kirchenbaugeschichtlich von besonderem Rang; dies kann in gewissem Sinne auch über die 1960 von Werner March gebaute Vaterunserkirche gesagt werden. Bloß die jüngste, erst in den späten 60er Jahren selbstständig gewordene Daniel-Gemeinde muss sich mit ihrem Gemeindesaal begnügen. Finanzielle Voraussetzungen Neben den kirchlich genutzten Grundstücken gibt es im Kirchenkreis allerdings kaum Immobilienbesitz und darum auch nur vergleichsweise geringe Einnahmen aus Vermögenserträgen. Die kirchliche Arbeit kann daher im Wesentlichen bloß aus den Kirchensteuer-Anteilen finanziert werden und - noch - aus Mitteln des Solidarfonds. Dabei sollte freilich nicht übersehen werden, dass das tatsächliche Kirchensteueraufkommen hier weit höher sein dürfte als die dem Kirchenkreis zur Verfügung gestellten Anteile und dass Wilmersdorf damit in erheblichem Umfang zum innerkirchlichen Finanzausgleich beiträgt. Leider ist dies aber im Finanzsystem unserer Kirche überhaupt nicht erkennbar. Bei insgesamt - wie überall - rückläufigen Einnahmen gewinnt das hier relativ hohe Spendenaufkommen in den Gemeinden zunehmend an Bedeutung. Eine Gemeinde verzeichnet jährliche Kirchgeldeinnahmen von über 30.000,- €; in anderen Gemeinden arbeiten erfolgreiche Fördervereine. Manche Aktivitäten wären sonst gar nicht mehr finanzierbar. Das soziale Umfeld kirchlicher Arbeit in Wilmersdorf Weil es in Wilmersdorf nur begrenzte Gewerbegebiete und kaum Industrieflächen gibt, gehört das Gebiet der Gemeinden zwischen Kurfürstendamm und S-Bahn-Ring zu den Quartieren mit der höchsten Bevölkerungsdichte in Berlin. Für die kirchliche Arbeit bringt dies den Vorteil relativ kurzer Wege mit sich. Die Wohnbevölkerung ist deutlich bürgerlich geprägt: viele Verwaltungsangestellte, Beamte, Selbstständige. Der durchschnittliche Bildungsstand ist hoch; die Jugendlichen besuchen überwiegend Gymnasien. Der Anteil der Erwerbslosen betrug 1999 11,4 % gegenüber 17,5 % im Berliner Durchschnitt; der Anteil der Sozialhilfeempfänger 4,6 %. Soziale Brennpunktgebiete gibt es in Wilmersdorf, von einer kleinen Ausnahme abgesehen, nicht. Mit einem Ausländeranteil von 14 % liegt Wilmersdorf zwar im Mittelfeld unter den Bezirken des ehemaligen Westteils und vor allen Bezirken im ehemaligen Ostteil; davon kommen fast die Hälfte aus außereuropäischen Ländern. Jedoch sind viele dieser Wilmersdorfer ausländischer Herkunft sozial eher gut gestellt. Insofern wurde hier bisher kein Bedarf für besondere kirchliche Ausländerarbeit erkennbar. Zwei Gemeinden beherbergen jedoch ausländische Gemeinden: zum einen die presbyterianisch-koreanische Gemeinde und zum anderen die Presbyterian Church of Ghana. Die wohl größte soziale Herausforderung für kirchliche Arbeit in Wilmersdorf liegt im Bereich des Vierten Lebensalters. 1.600 Menschen sind hier über 90 Jahre alt. Im Kirchenkreis existieren etwa 60 Pflegeheime, überwiegend in Grunewald und Schmargendorf. Man rechnet dort mit einem Anteil von über 70 % stark Altersverwirrten. Nur für einen kleinen Teil dieser Heime gibt es bisher irgendeine Form stetiger kirchlicher Versorgung. Darum wurde zur Erweiterung dieses Angebots unlängst ein kreiskirchliches Projekt auf den Weg gebracht, das sich aber noch im Anfangsstadium befindet. Kirchliches Handeln in Wilmersdorf Ansonsten ist die kirchliche Arbeit in diesem Kirchenkreis überwiegend in den einzelnen Gemeinden organisiert, neuerdings mit einigen Ansätzen zur Kooperation zwischen Nachbargemeinden, und unterstützt und ergänzt durch kreiskirchliche Einrichtungen wie die beiden Diakoniestationen und die Familien-Bildungsstätte, Praxisberatungsstellen für die Arbeit mit Kindern und Amt für Jugendarbeit. Die Gemeindearbeit konzentriert sich überwiegend auf die klassischen kirchlichen Handlungsfelder. Das gottesdienstliche Leben hat überall hohen Stellenwert. Neben den sonntäglichen Gottesdiensten gibt es in mehreren Gemeinden zusätzliche Angebote zu unterschiedlichen Zeiten unter der Woche. Die Zahl der Taufen ist relativ konstant; Trauungen und Bestattungen sind zwar rückläufig, umso mehr Augenmerk wird aber auf überzeugende, individuelle Gestaltung gelegt. Einen besonderen Schwerpunkt bildet in Wilmersdorf seit Jahrzehnten die Kirchenmusik: mit mehreren bedeutenden Orgeln, darunter zwei der drei größten von Berlin, zwei großen Kantoreien, einigen weiteren Kirchenchören und einem reichhaltigen Konzertleben. Arbeit mit Kindern geschieht in acht Kindertagesstätten und sieben Eltern-Kind-Gruppen, die durchweg sehr gemeindebezogen existieren, in mehreren sehr lebendigen und gut besuchten Kindergottesdienst-Angeboten, Kinderbibelwochen und vielem mehr. Außerdem beteiligt sich die Wilmersdorfer Pfarrerschaft über das geforderte Maß hinaus am schulischen Religionsunterricht. Die Jugendarbeit zentriert sich in fast allen Gemeinden derzeit um die Konfirmandenarbeit. Mit Jahrgangsstärken in einzelnen Gemeinden von 50, 60 oder 90 Konfirmanden und z.T. sehr großen, aktiven Leitungs-Teams ist hier sogar momentan eine steigende Tendenz zu verzeichnen. Hinzu kommen diverse Angebote für Erwachsene und - natürlich ? - in allen Gemeinden noch einmal besonders für Menschen im Seniorenalter. Stellvertretend für manch anderes sei hier das "Forum 50 plus" der drei City-Gemeinden genannt, im welchem seit einigen Jahren gezielt neue Wege beschritten werden, um auf die demographischen Veränderungen in der älteren Generation mit Angeboten zu möglichst selbsttätigem Engagement zu reagieren. Weiteres in Stichworten: Christlich-jüdischer Dialog in mehreren Gemeinden. Partnerschaften des Kirchenkreises: seit fast 25 Jahren zur Iringa-Diözese in Tanzania; dazu seit einigen Jahren zu zwei Conferences der United Church of Christ in den USA. Weitere ökumenische Partnerschaften in einzelnen Gemeinden, z.B. die Rumänien-Moldawien-Hilfe. Zwei Kältehilfeprojekte. Gemeindezeitungen in allen Gemeinden, darunter mehrere, die regelmäßig in alle Haushalte verteilt werden, mit einer monatlichen Gesamtauflage über 30.000 Exemplaren. Kirchenkreis-Homepage "www.evkiwi.de". Ein spezieller Impuls aus Wilmersdorf Vor zwei Jahren gab die hiesige Kreissynode den Anstoß, der zum Beschluss der Landessynode über Andachten anlässlich der Eintragung von gleichgeschlechtlichen Lebenspartnerschaften geführt hat. Inzwischen haben alle Gemeindekirchenräte im Kirchenkreis entsprechende Beschlüsse gefasst, ohne dass dies in der jeweiligen Gemeindeöffentlichkeit zu größeren Konflikten geführt hätte. Allerdings wurde dies neue Angebot bisher nur in drei Fällen auch wirklich in Anspruch genommen. Ausblick - vielleicht nicht nur für Wilmersdorf? Zwar konnte der Kirchenkreis Wilmersdorf mit seinen neun Gemeinden bisher im Stellenabbau mit dem Kirchensteuerrückgang Schritt halten, das hat aber natürlich - wie überall - die Arbeit in vielen Bereichen deutlich erschwert. Gleichwohl hat dies, im Großen und Ganzen, bisher nicht zu einem Rückgang des gottesdienstlichen Lebens geführt. Und das Gemeindehausleben hat sogar in einzelnen Gemeinden im Verlauf der letzten zehn Jahre deutlich zugenommen und an Vielfalt gewonnen. Von dieser Erfahrung ausgehend wurde hier vor sieben Jahren die später landeskirchlich aufgegriffene Formel "Wachsen gegen den Trend" geprägt. Allerdings ist zu befürchten, dass dieser deutlich wahrnehmbaren Intensivierung und Weiterentwicklung des Gemeindehauslebens - relativ unbemerkt - ein Rückgang in der Versorgung jener Mehrheit der Kirchenmitglieder gegenübersteht, die sich am Gemeindehausleben nicht beteiligen. Der Verlust von 40 % der Pfarrstellen in 15 Jahren, die Inanspruchnahme der verbliebenen Pfarrerschaft durch die Aufrechterhaltung des kompletten kirchlichen Betriebs an neun Standorten, die damit verbundene Gremienarbeit und vieles mehr, und dazu das fast vollständige Verschwinden der Berufsgruppen der Gemeindeschwestern und Gemeindehelferinnen hat zur Folge, dass der Besuchsdienst längst nicht mehr in dem früher möglichen Maß geleistet werden kann. Auch der Rückgang der Amtshandlungen und ihre vielfältig zu verzeichnende Privatisierung hat eine Verringerung volkskirchlicher Präsenz zur Folge. Verbesserte mediale Kommunikation kann dem zwar in gewissem Maß entgegenwirken, sie wird aber nicht die persönliche Begegnung ersetzen können. Hier müssen aktuelle Strukturüberlegungen ansetzen. In Wilmersdorf sind die Voraussetzungen für eine dezidiert volkskirchliche Arbeit weiterhin gegeben. Ziel wird es sein, durch verbesserte Kooperation zwischen den Gemeinden, bewusste Prioritätensetzung und klare Schwerpunktbildung weiterhin ein vielfältiges Angebot bereitzustellen und zugleich wieder personelle und finanzielle Ressourcen freizusetzen, um neben dem Gemeindehausleben neu erkannte Herausforderungen im Hinblick auf die Mehrheit der Kirchenmitglieder angehen zu können.